Archiv für September 2010

2008 – ARD: „Autonome kontrollieren offenbar Athener Zentrum“

Gerde im inoffiziellen tagesschau.de-Archiv (da diese ihre Beiträge nach einer Zeit löschen müssen) gefunden und mal kopiert da sowas ja nicht alle Tage in den Medien, besonders bei der ARD zu lesen ist:

Autonome kontrollieren offenbar Athener Zentrum
Griechische Polizei nicht mehr Herr der Lage

48 Stunden nach dem Tod eines 15-jährigen Schülers in Athen ist die Gewalt in Griechenland außer Kontrolle geraten. Die Polizei schien am Abend nicht mehr Herr der Lage zu sein. Rund 4000 Autonome nahmen praktisch das Athener Stadtzentrum ein, berichteten übereinstimmend griechische Medien. Gewalttätige Demonstranten verwüsteten alles, was ihnen in den Weg kam. Entlang der drei großen Einkaufsstraßen Panepistimiou, Stadiou und Skoufa sowie rund um den zentralen Syntagmaplatz brannten nahezu alle Geschäfte.

Gewalttätige Demonstranten erreichten am Abend auch den eleganten Kolonaki-Platz, wo viele Politiker wohnen und zerstörten auch dort alle Geschäfte. Passanten flohen in Panik in alle Richtungen. Die Polizei setzte massiv Tränengas ein, was aber ohne merkbare Wirkung auf die Randalierer blieb.

Besitzer zerstörter Geschäfte riefen um Hilfe. Die Feuerwehr konnte jedoch nicht eingreifen, weil die Autonomen die Einsatzfahrzeuge mit Brandflaschen attackierten. Auch der etwa 20 Meter hohe Weihnachtsbaum der Stadt Athen wurde angezündet.

Der griechische Ministerpräsident Kostas Karamanlis berief für die Nacht eine Sondersitzung des Ministerrates ein. Morgen will er sich mit Staatspräsident Karolos Papoulias und den Vorsitzenden der griechischen Parteien treffen. Ein Regierungssprecher dementierte Gerüchte, dass ein landesweiter Ausnahmezustand ausgerufen werde.Montag, 08.12.2008 21:54

Für eine Welt ohne Grenzen und Knäste

Als Generation, die nichts als die Herrschaft des kapitals kennt, durchstreifen wir tagtäglich die Landschaften einer Welt, die unablässig ihre eigene Rechtfertigung verkündet. Während die Allgegenwart der Ware, die Armut (als Mangel an Überlebensmitteln) zu verdrängen scheint, verbreitet sie das Elend (als Enteignung unserer Träume). Wie soll man sich verlieren, wie ein anderes Leben erfinden, in einer Welt, deren Herrschaft noch die verborgensten Winkel durchdringt? Vom ersten Gefängnis bis zum modernen Urbanismus hat der Architekt schon immer zur Arbeit der Polizei beigetragen; und auch wenn die falschen Freuden der Warenwelt darüber hinwegzutäuschen versuchen, sind wir gefangen in einer Welt, die kein Aussen mehr kennt.

« Solange du dich ruhig verhältst, wird dir nichts geschehen » : Mit dieser billigen Erpressung sollen wir das Abenteuer der Freiheit gegen eine Welt der Langeweile eintauschen. Die soziale Befriedung hält uns an die Lohnarbeit gefesselt, während die Politiker die allgemeine Resignation verwalten. Wer sich den gesellschaftlichen Zwängen verweigert und andere Wege sucht, dem drohen jene Haftanstalten, die schliesslich das konzentrierte Abbild einer ganzen Gesellschaft darstellen, die auf Autorität und Kontrolle basiert. Doch neben der Erniedrigung, uns in Wohnsiedlungen und Bürokomplexen einschliessen zu lassen bis wir in sozialer und individueller Vereinzelung krepieren, bleibt noch immer die Möglichkeit der Revolte: um gemeinsam den Ausbruch aus diesem sozialen Gefängnis zu wagen.

Etliche Aufstände durchzogen in den letzten Jahren die europäischen Knäste und Metropolen. Die oft unartikulierten Schreie drücken schlicht das Verhältnis zu einer Welt aus, die uns völlig fremd geworden ist. Wir haben nichts zu fordern, denn wir wollen nichts bewahren. Wenn wir uns für die Revolte entscheiden, dann um das Unbekannte anzutasten, um endlich Raum für Fragen zu öffnen, die sich der Politik entziehen.

Aller Komplexität der Welt zum trotz, sind es noch immer die Ausgebeuteten selbst, die diese Maschinerie am Laufen halten, und insofern wir uns als solche erkennen, besitzen wir bereits jetzt die Möglichkeit, mit etwas neuem zu beginnen. Wenn in uns noch der Wille lebt, nicht hinter den Mauern zu verderben, die unser Denken und Handeln versperren, dann lasst uns lieber jene angreifen, die sie erbauen und verteidigen. Wenn wir noch den Drang nach Freiheit verspüren, dann lasst uns diese Mauern niederreissen, um endlich wieder eine andere Welt zu denken, für die es sich zu kämpfen lohnt!

Interim im Frühling 2010